Erleuchtung ist... 2-3
Es ist schon komisch, wenn du die Geschichte des Zen-Buddhismus genau betrachtest, von Shakyamuni Buddha bis Bodhidharma, dann stellst du fest, dass die Zen-Meister alle verschiedene Charaktere hatten und nicht jeder ein Genie oder Prinz war, ganz und gar nicht. Ja, Bodhidharma und Shakyamuni Buddha waren Prinzen und von Geburt an finanziell sehr gut gestellt, und alle waren neidisch auf sie. Aber der letzte, der 6. Zen-Meister Huineng zum Beispiel – er ist der bei Zen-Schülern am meisten respektierte Zen-Meister – konnte nicht einmal seinen Namen schreiben. Ja, er war nicht einmal Mönch. Er lief für lange Zeit weg und war aufgrund seiner niederen Herkunft bei vielen verhasst. Ähnlich war es bei Jesus Christus. Er war kein Prinz und entstammte keiner großartigen Fürstendynastie. Stattdessen wurde er in einem Stall geboren und wusste nicht, wer sein Vater war. Die Leute dachten, wer so ist, der kann kein Messias sein. Und genauso sagten die Menschen beim 6. Zen-Meister, so ein Mensch kann kein Zen-Meister sein.
Wer immer das TOCK-TOCK versteht, der ist Meister. Das ist es, worauf es ankommt. Aber die Leute akzeptieren das nicht: Nein, nein. Du nicht. Du musst wie Shakyamuni Buddha sein, der in eine Fürstenfamilie geboren wurde. Aber dem ist nicht so. Wer macht diese Regeln? Wer? In Wirklichkeit ist es für die Erleuchtung völlig unwichtig, ob man Prinz ist oder von niederem Stand ohne jede Bildung. Du brauchst dazu nichts, keine Vorbereitung und kein Training.
Die Leute malen sich lieber ein Bild von Buddha‘s Leben, obwohl sie Buddha und Buddha‘s Leben nicht kennen und nicht einmal annähernd begreifen können. Weil sie es nie erfahren haben. Buddha hingegen kennt die meisten Leute gut. Was du dir also von Buddha vorstellst, ist nicht wahr. Ich sage das, weil ich genauso war. Alle Zen-Meister waren so.
Aber täusch dich nicht. Wenn du erwacht bist und die Leute siehst, dann gibt es keine Erleuchtung, weil die meisten Menschen es auch nutzen, sie wissen bloß nicht genau, was es ist. Selbst das ist zu viel Gerede. Das sind Täuschungen, „Schlangenfüße“. Anstatt zu reden könnte ich auch ein bis zwei Stunden lang TOCK-TOCK machen, aber dann würden es wahrscheinlich nur einige wenige verstehen, die meisten jedoch sicher nicht. Deshalb muss ich versuchen, es mit Worten zu erklären. Daher noch einmal: Es gibt keine Erleuchtung. Wirklich, all die Meister belügen dich. Diese Dharma-Rede belügt dich auch. ABER: Nur diejenigen, die Erleuchtung hatten, können sagen, es gibt keine Erleuchtung. Diejenigen, die noch danach streben, Buddha zu werden, nicht.
Deshalb mach dir bitte keine Vorstellungen, denn was immer du dir vorstellst, wird absolut falsch sein. Die Vorstellung kann nicht wie die Wahrheit sein, da ist ein großer Unterschied.
Das gilt genauso für die Vorstellung darüber, was es bedeutet, die andere Seite zu sehen und die Wahrheit zu erkennen. Manchmal fürchten sich die Leute sogar vor Erleuchtung und Wahrheit. Sie möchten lieber nett und gut zu allen sein und verstecken sich hinter dieser Rolle.
Ich war auch so. Ich war als einfacher Mönch im Shaolin Tempel in China, und ich fürchtete mich davor, Erleuchtung zu erlangen, obwohl doch das letzte Ziel aller Mönche in der Welt Erleuchtung sein sollte. Okay, manche haben dieses Ziel nicht, aber ich bin sicher, die meisten haben dieses Ziel. Ich jedenfalls fürchtete mich vor Erleuchtung, weil ich meine Frau und mein Kind und meine Mutter liebte und weil ich weiter mit ihnen leben wollte, auch wenn ich wusste, dass alles ein Traum ist. Ich habe mich gefragt, was wird, wenn ich erleuchtet bin. Werde ich mich dann nicht mehr um meine Familie kümmern, weil ich dann auf einem ganz anderen Niveau bin? Wie angstvoll ich war!
Und dann war es völlig anders. Ich verspreche dir, was immer du dir vorstellst, es wird nicht so sein.
