Erleuchtung ist... 6-1
6 – Erwachen ist wie Fahrradfahren
Einfach hinein in das, in dich selbst. Nein, „dich“ ist nicht richtig, eigentlich ist es „ich“, „du“, „wir“. Was immer ich sage, wird falsch sein, ich weiß. Deshalb sagt Shakyamuni Buddha: „Nur ich, so wie du.“ Aber zuerst musst du herausfinden, wer du wirklich bist. Das ist am wichtigsten. Wenn du das herausgefunden hast, ist alles anders, und die Regeln, die Welt verändern sich. Was du gestern für das Wichtigste in deinem Leben gehalten hast, ist dann nicht mehr wichtig.
Du musst wirklich erst Erfahrung machen damit, TOCK-TOCK. Erfahrung mit dem Eins-Werden. Es ist nicht das Eins-Werden, es ist Jetzt-Sein. Darum ist der Blick komplett unterschiedlich, wenn du aufgewacht bist. Das ist komplett anders. Die Regeln sind völlig anders, wenn du aufgewacht bist.
Stell dir vor, du bist im Traum und im Traum bist du eine sehr wichtige Person. Du kannst die Welt, die Erde beherrschen. In deinem Traum bist du z. B. ein Professor oder du hast die Herrschaft über einen Knopf, mit dem du die Welt mit einer Nuklearbombe in die Luft sprengen kannst. Ein sehr wichtiger Job. In deinem Traum ist das wichtig, weil du mit dem Knopf, den du in der Hand hältst, jeden umbringen kannst. Aber das ist in deinem Traum. Wenn du aufwachst, was ist dann wichtig? Der handelnde Akteur in einem Traum zu sein, oder zu erkennen, wer du wirklich bist? Darüber rede ich.
Einige sind noch nie aus ihrem Traum aufgewacht, andere schon. Dabei ist es unwichtig, ob es ein schöner oder schlechter Traum ist. Wichtig ist, dass man schon aufgewacht ist. Die beiden Parteien – die nicht Erwachten und die Erwachten – können nicht miteinander reden, weil deren Ziele völlig verschieden sind.
Deshalb kann man sagen: Buddha kennt alle Menschen gut. Aber die meisten Menschen kennen Buddha nicht und wissen nicht, was ihn bewegt und was ihm wichtig ist. Das können sie nicht, weil ihr Blick ein völlig anderer ist.
Also machen kluge Zen-Meister, obwohl sie dir alles erklären könnten, nur TOCK-TOCK.
Denn Verstehen ist völlig anders als Aufwachen. Aufwachen funktioniert wie die Liebe. Bei der Liebe gibt es auch kein „Wie?“, kein „Wie soll das gehen?“ Wir wissen nicht, wie echte Liebe funktioniert. Nun gibt es tausend unterschiedliche Arten von Liebe. Gehen wir von der Liebe zwischen Mann und Frau aus, dann muss immer eine Spannung zwischen beiden herrschen, ein „Ich will dich!“ Und dieses Verlangen muss man halten. Nicht muss, denn es ist so, dass die Liebe kein Training erfordert. Wenn du versuchst, Liebe zu trainieren, wird es nicht funktionieren. Tatsächlich kannst du für die Liebe nichts tun, nur sehnsüchtig, durstig sein, jemanden vermissen. Vielleicht kannst du verstehen, was ich meine.
Du musst einfach auf natürliche Weise ein Verlangen entwickeln. Du willst etwas wissen, natürlich. Wann immer du schläfst, aufwachst, du hältst es die ganze Zeit, denkst an das Mädchen oder den Mann. Das geschieht ganz automatisch und natürlich. Das erste, woran du beim Aufwachen denkst, ist nicht, auf die Toilette zu gehen, sondern ihr oder sein Gesicht. Das ist natürlich. Das ist wahres Hwadu. Du weißt, was Hwadu ist. Früher war Hwadu etwas, was der Zen-Meister den Schülern gab, um die Spannung zu halten, z. B. eine Formel, wie „Nichts!“ oder „Wer warst du vor der Geburt?“ Aber diese Formel ist vielleicht schon zu lang. Die heutige Generation hat es leichter, eingängige Formeln zu finden und zu halten. Aber auch das ist etwas, was du versuchst, von innen zu kontrollieren. Das funktioniert nicht. Wichtig ist, die ganze Zeit die Spannung zu halten. Aber wenn du zu viel Spannung hast – d. h., du willst es zu sehr –, dann wird es zerbrechen. Und wenn du es zu locker nimmst – d. h., du hast überhaupt keine Spannung –, dann wirst du es eines Tages völlig vergessen und du wirst nach einem anderen Mädchen schauen oder weggehen oder sonst etwas tun. Du musst die ganze Zeit die richtige Spannung halten. Genauso, wie die Spannung einer Gitarrensaite genau richtig sein muss, um einen schönen Klang zu erzeugen. So muss es die ganze Zeit sein.
Große Zen-Meister geben dir die ganze Zeit Spannung. Manchmal machen sie dich wütend. Ja, du musst wütend werden.
